Die auf dem indischen Staatsgebiet in der Erforschung neuer Medikamente tätigen Unternehmen liest sich wie das who is who der europäischen Industrie. Merck, Bayer, Aventis, Boehinger, Johnnsen & Johnnsen, alle sind sehr aktiv in dem Land zwischen Dritter Welt und aufstrebender Industrienation.
Nachdem die Rugularien in den USA und Europa mehr und mehr ausgeweitet wurden, weicht man für eher kritische Tests und Vortests gerne nach Indien aus.
Während man in Europa für die Zulassung einer Medikamenten-Studie mit 20 Menschen mindestens 6 Monate benötigt, kann man in der gleichen Zeit mit geringstem Aufwand in Indien Tausende einbeziehen. Geringe Einkommen und ein niedriger Bildungsstand von Teilen der Bevölkerung macht es leicht Freiwillige anzuwerben.
Die Beteuerung der an den Todesfällen beteiligten Unternehmen, man habe ja die Zustimmung der Testpersonen vorliegen, wirkt deshalb auch eher zynisch. Viele nicht einmal des Lesens und Schreibens mächtigen haben 20-seitige rechtliche Vereinbarungen unterschrieben, die ihnen in 5-minütigen Gesprächen vorgelegt wurden, wenn überhaupt.
Ist es den Firmen dann immer noch zu teuer oder unsicher werden den Krankenhäuser kostenlos Proben zum Testen zur Verfügung gestellt. Für die Beobachtung der Patienten, die diese Medikamente auch ohne Zustimmung testen, erhalten die Ärzte großzügige Honrare.
Am Maharaja Yeshwantrao Hospital in Indore ist Patient Vinod überzeugt, unfreiwillig an einer Testreihe teilgenommen zu haben und geht jetzt öffentlich gegen die Ärzte vor.
"Ich hatte Schmerzen und sie gaben mir unverpackte Pillen, die ich einmal ausprobieren sollte. Dreimal am Tag sollte ich genau notieren wie ich mich fühlte. Aber meine Schmerzen wurden nicht besser. Sie behandelten mich wie eine Testratte, an der sie einiges ausprobieren wollten."
Bereits mehrfach wurde das betroffene Krankenhaus mit illegalen Medikamentenversuchen in Verbindung gebracht. Jetzt ermittelt die Polizei in dem Fall. Die Verwaltung des Hauses bestätigte inzwischen Tests an Patienten vorzunehmen, jedoch exakt nach den gesetzlichen Vorgaben und mit Zustimmung der Patienten.
Hilfsorganisationen schätzen, dass jährlich ca. 2 Millionen Inder wissentlich oder unwissentlich an klinischen Tests teilnehmen. Die möglichen Konsequenzen sind jedoch nur den wenigsten bewusst.
Dr. Anand Rai, Präsident der Niedergelassenen Ärztekammer in Madhya Pradesh erklärt: "Die Anzahl der Medikamenten Tests in Indien steigt rapide, da die Kosten hierfür bei ca. 1/6 von den Kosten im Westen betragen. Ein Regulierungssystem ist zwar vorhanden, jedoch sei deren Überwachung geprägt von Korruption und Unregelmäßigkeiten. Die meisten Tests in Indien seien unethisch und illegal.
Menschen der unteren Schichten sind hierbei leicht zu ködern. Babita eine Mutter aus einem kleinen Dorf berichtet, sie sei so froh dass ihr kleines 6-jähriges Mädchen nun kostenlos in einer modernen Klinik behandelt werde, sie hätte lediglich einige Papiere unterschreiben müssen. Das Fieber ihres Kinder sank jedoch nicht, sondern es kamen diverse neue Symptome hinzu.
Rai ergänzt, es gäbe zwar ethische Kommittees für die Zulassung von Medikamenten-Tests, jedoch sind die Ausschußmitglieder in den seltensten Fällen vor Ort. So würden Genehmigen rein anhand von vorgelegten Papieren entschieden, wobei die Testpersonen am anderen Ende des Landes dann ganz anderen Tests als beantragt unterzogen würden.
Nach Veröffentlichung der neuen Zahlen zu den Todesfällen versprach die Regierung die Kontrollen zu verstärken. Wer Indien kennt, weiss der Wille ist oft vorhanden, die Umsetzung mehr und mehr mit stetig wachsender Bevölkerungszahl unmöglich.
Gleichzeitig wurden die Pläne der Regierung veröffentlicht, die Forschungszentren für Tierversuche an Hunden und Affen massiv auszuweiten, um die führende Stellung Indiens in einem wachstumsstarken Markt auszuweiten. Bis vor kurzem war es nur staatlichen Instituten vorbehalten, diese Art "Forschung" durchzuführen. Diese Schranke fiel Anfang des Jahres. Bereits kurz nach der Freigabe tummeln sich nun diverse seriöse und unseriöse, kleine und große Firmen auf diesem neuen Wirtschaftsgebiet. Sie befinden sich jetzt im direkten Wettbewerb um die effektivsten und spektakulärsten Test-Ergebnisse. Ethisches Vorgehen bleibt hierbei selbstredend auf der Strecke und lässt für die anstehenden Human-Tests das Schlimmste befürchten.
Ansetzen müsste man zurerst bei den internationalen Pharmakonzernen selbst. Wie jedoch reguliert und sanktioniert man ethisches Verhalten von Großunternehmen in weit entfernt liegenden Ländern? Vielleicht schafft die Öffentlichkeit mit etwas Druck auf die Managementebenen sie zeitweise an ihre eigentliche Aufgabe fernab von Gewinnmaximierung und Dividendenstreben zu erinnern, zum Wohle aller Menschen. Aber dieses ist wohl doch eher eine Illusion.
Vielleicht sollten wir uns zukunftig nicht mehr über jede medizinische Innovation uneingeschränkt freuen.
Verweise: Aventis, Bayer, Boehringer, Dr. Anand Rai, Ethik, Indien, Indore, Johnnson & Johnnsen, Krankenhaus, Maharaja Yeshwantrao Hospital, Medikamente, Merck, Neu Delhi, Pharmaindustrie, tests, tierversuche, Versuchstiere




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