verdi: Was hinter der Sperrholzwand der Volksstimme passierte

ver.di: Was hinter der Sperrholzwand der Volksstimme passierte

Von  | 26. Januar 2011 | Kategorie: Magdeburg

Magdeburg. Die Gewerkschaft verdi schlägt Alarm: Ist ein Ende des Druckhauses Barleben abzusehen?

Auszug verdi-Pressemitteilung:

In der Nacht vom 16. zum 17. Januar 2011 haben die Beschäftigten im Druckhaus Barleben wie bereits seit vielen Jahren in der Nachschicht die „Volksstimme“ gedruckt, damit sie am Morgen pünktlich in den Briefkästen der Abonnenten liegt.

Ihre Ruhezeit nach der Nachtschicht wurde jäh unterbrochen.

Am Mittag des 17. Januar 2011 erhielten sie Telefonanrufe ihrer Geschäftsleitung.


Diese teilte ihnen mit, dass sie zur nächsten Schicht am Abend nicht mehr erscheinen müssen, die erklärende Post dafür läge in ihren Briefkästen.

Die Beschäftigten fanden dort ihre unwiderrufliche Beurlaubung vor.

Am gleichen Tag ging dem Betriebsrat die Anhörung für die Kündigung aller 11 Drucker und 8 Helfer zu. Dies ist ein primitiver Racheakt nach Gutsherrenart, so ver.di- Fachbereichs- leiter Michael Kopp. Ein Racheakt des Verlegers Heinz Heinrich Bauer, der nicht verlieren und vergessen kann. Rache dafür, dass die Beschäftigten 1997 für einen Tarifvertrag streikten und ihn auch durchsetzten.

Die Drucker in Magdeburg wollten genau so bezahlt werden, wie ihre Kollegen in den Betrieben des Heinrich-Bauer-Verlages in Hamburg und Köln. Unmittelbare Folge war die Aufsplittung der MVD GmbH in viele kleine Firmen ohne Betriebsrat und ohne Tarifbindung.

Die Kölner Druckerei des Verlegers beispielsweise schloss Ende 2010, weil Herr Bauer mittlerweile in Polen mit Hilfe von Fördermitteln und Steuererleichterungen eine große Druckerei betreibt. Mit dem letzten Akt der Willkür in Magdeburg gibt es in Deutschland kein Unternehmen des Verlegers Heinz Heinrich Bauer mehr, das tarifgebunden ist.

Die Perversion von Magdeburg ist jedoch kaum zu übertreffen: Seit 12 Monaten mussten die zwischen 20 und 45 Jahren bei MVD in Barleben beschäftigten Drucker und Helfer zusehen, wie hinter einer Sperrholzwand neue Druckmaschinen aufgebaut und junges Personal einer extra dafür gegründeten Verleihfirma an den Maschinen ausgebildet wurde.

Geschäftsausgründungen haben seit Monaten Konjunktur bei der Volksstimme. Ein Haupt- oder Nebeneffekt ist die Untergrabung der Mitarbeiter-Mitbestimmung.

Der Betriebsrat hegte seit langem den Verdacht, mit dem Unternehmen hinter der Sperrholzwand werde die Ausgliederung der „Volksstimme“-Druckerei vorbereitet. Seine Versuche, mit dem Arbeitgeber Verhandlungen aufzunehmen, scheiterten an der Mauer der Behauptung des Verlegers, der Betriebsrat söge sich diesen Verdacht aus den Fingern.

Noch im November 2010 gab der Unternehmer schriftlich zu Protokoll, dass er weder plane noch entschieden habe, die Druckerei auszulagern. Wut und Betroffenheit bei den Beschäftigten, dem Betriebsrat und bei ver.di. Wir fühlen uns betrogen und geprellt.

Der Zeitungs- und Zeitschriftenverleger Heinz Heinrich Bauer (Volksstimme, Fernsehwoche, Alles für die Frau, BRAVO u. a.) tritt die Beschäftigten, die er einst als Garant seines Erfolges bezeichnete, mit Füßen.

(Ende Mitteilung verdi)

Bereits im November rügte der Deutsche Journalisten Verband (DJV) das Verhalten der Volksstimme:

Auszug DJV vom 10. November 2010:

Der eröffnete DJV-Bundesverbandstag 2010 hat auf Anregung unseres Landesverbands folgende Resolution einstimmig verabschiedet:

Der Bundesverbandstag fordert die Chefredaktion der Magdeburger Volksstimme, die Geschäftsführung aller mit der Herstellung der Magdeburger Volksstimme befassten Firmen und den Verleger Heinz Bauer in Hamburg auf, es zu unterlassen und zu unterbinden, Redakteurinnen und Redakteure mit der Erklärung, es müssten strukturelle Änderungen erfolgen, dazu zu veranlassen, durch Aufhebungsverträge ihre bestehenden Arbeitsverträge aufzugeben, um zu schlechteren vertraglichen Bedingungen als angestellte Redakteure oder in fester freier Mitarbeit ihre Arbeit für die Zeitung fortzusetzen.

Begründung:
Es ist mehrfach zu so genannten Personalgesprächen gekommen, die die Beseitigung der bestehenden, an die in der ganzen Branche üblichen tarifvertraglichen Arbeitsbedingungen angelehnten Arbeitsverträge zum Inhalt hatten. Hierzu werden Mitarbeiter in Einzelgespräche geladen und die in Aussicht gestellte Kündigung ist in einem Falle, in dem die Kollegin nicht gleich unterschreiben mochte, auch ausgesprochen worden.

Inzwischen geht die Arbeit an der Zeitung weiter wie zuvor, es sind keine Blattteile weniger geworden und damit betriebliche Gründe für das Vorgehen des Verlegers nicht ersichtlich.

Ein solches Vorgehen ist umso mehr zu verurteilen, als der DJV-Landesverband Sachsen-Anhalt ohne Vorbedingungen tarifliche Verhandlungen mit dem Ziel eines Haustarifvertrags angeboten hat. Auf besondere betriebliche Belange kann dabei eingegangen werden, wenn sie nachvollziehbar dargelegt werden.

Indessen hat die Geschäftsleitung der Magdeburger Verlags-und Druckhaus GmbH aus Tarifverhandlungen rundheraus abgelehnt. Man setzt offensichtlich darauf, im Einzelgespräch Druck auszuüben. Das ist ein Stil, der bisher mit bestimmten Einzelhandelsdiscountern in Verbindung gebracht wird. Er ist für einen Konzern, der mit der Herausgabe einer Tageszeitung auch einem öffentlichen Interesse zu dienen hat, in hohem Maße unwürdig.

Die Verabschiedung erfolgte einstimmig, es gab keine Enthaltungen.

Das Ende der Chefredaktion

Am 1. Dezember durfte dann der Chefredakteur Dr. Franz Kadell der Volksstimme "in gegenseitigem Einvernehmen" gehen. War er der letzte Widerstand gegen eine noch weitergreifende Umstrukturierung? Seitdem wird die Zeitung durch die zwei Stellvertreter Peter Wendt und Günther Tyllack kommissarisch weitergeführt, bis ein neuer Chefredakteur gefunden ist, sollte es denn einen geben.

Die Volksstimme passt eigentlich wenig in das Portfolio des Bauer Verlages, ein Verkauf wird seitens der Gewerkschaften nicht mehr als unwahrscheinlich bezeichnet.

Foto: Jochen Jansen






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3 Responses to ver.di: Was hinter der Sperrholzwand der Volksstimme passierte

  1. Auch ich arbeite für Bauer 15. Februar 2011 at 19:00
    An die Belegschaft von Bauer Druck Köln,

    gut gemeinter Aufruf, aber Bauer wird sich auch weiterhin lieber auf Mobbing, Erpressung usw. verlassen, denn der Erfolg seiner Unternehmen gibt ihr leider recht.
    Es ist kein Scherz, bei uns wurde ein Abteilungsleiter entlassen, weil er sich zu gut mit seinen Mitarbeitern verstand.
  2. KOLLEGENINFOFORUM-2 / NEXT 15. Februar 2011 at 12:44
    Beitrag des Forums der ehemaligen Belegschaft von Bauer Druck Köln.

    Auch uns hat es hart getroffen.Wir bekamen zwar eine gute Abfindung aber der Standort ist erst einmal geschlossen. Auch wir kämpften lange. War eine Verständigung nicht möglich? Sieht denn Familie Bauer nicht, welches Leid dadurch verursacht wird? Menschen die in die Armut gehen.
    Es ist kaum zu Glauben, warum man immer auf Konfrontation geht. Gerade unsere Mitbürger im Osten haben schon genug mitgemacht. Warum lernt man nicht miteinander umzugehen? Wenn Menschen so aufeinander losgehen, wird nie was gutes daraus werden. Man darf heute keine Angst mehr haben, sein Gesicht zu verlieren. Der Bauer Konzern hat es zu betrachlichen Reichtum gebracht mit vielen Produkten. Das Menschliche ist zum Schluß auf der Strecke geblieben. Wir haben auch versucht, Herrn Bauer menschlich entgegen zu kommen. Nie hat er sich der Aufgabe persönlich gestellt. Wir, die alte Belegschaft, sind enttäuscht von jemanden, der zu seinen Arbeitern keinen Kontakt wollte und über die Leute schlecht Urteilt und Verurteilt, die für Ihn alles taten, auch ohne Bezahlung. Oft wurde auf Pausen verzichtet oder mehr wie alles gegeben um Ziele zu erreichen oder zu übertreffen. Wir standen vor und dahinter und gaben für Herrn Bauer alles. Hat man das auch gesehen? Die Magdeburger sind unsere Kollegen und es schmerzt uns wieder sehr, wenn wir ansehen müssen, dass Ihr die nächsten seit die dies alles mitmachen. Wenn jemand von Familie Bauer diesen Text jeh lesen sollte, bitten wir Sie endlich einen anderen Weg zu gehen. Machen Sie es den anderen vor! Geben Sie Memnschen eine Chance und vergehen Sie sich nicht an Ihrer Würde sondern arbeiten Sie Hand in Hand mit Ihnen. Ihre Produkte werden dann einen ganz anderen Stellewert auf dem Markt finden. Die Werbung erledigt sich dann von selbst.
    Ganz liebe Grüße!
  3. Anonymus 12. Februar 2011 at 19:35
    "Was hinter der Sperrholzwand der Volksstimme passierte"


    die übliche Art wie Mitarbeiter bei Bauer behandelt werden

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