
Foto: Oliver Hallmann
Dabei wird das Endlager für radioaktive Abfälle Morsleben (ERAM) in Sachsen-Anhalt bald Geschichte schreiben.
Der bis 1998 im brüchigen Salzstock eingelagerte strahlende Müll soll nach dem Willen der Bundesregierung unwiderruflich mit Salzbeton versiegelt werden.
Über den Stilllegungsplan soll 30 Kilometer vom Endlager entfernt am 13. Oktober in einem öffentlichen Erörterungsverfahren in Oschersleben entschieden werden.
ERAM – das strahlende Erbe der DDR
Im idyllischen Dorf Morsleben in Sachsen-Anhalt unweit der niedersächsischen Landesgrenze begann die DDR-Regierung 1970 an der Öffentlichkeit vorbei das ehemalige Salzbergwerk zum atomaren Endlager auszubauen.
Bis 1981 lagen keine Sicherheitsnachweise und somit keine offizielle Inbetriebnahmegenehmigung vor, trotzdem wurden im Rahmen einer Versuchsphase jahrelang leicht bis mittelschwere radioaktive Abfälle in den für Wasserzuflüsse und technische Mängel bekannten Schacht eingelagert.
Daran schloss sich eine befristete Bewilligung für Versuche an, unkontrollierten flüssigen Müll mit Braunkohleasche zu verfestigen. Trotz zahlreicher Bedenken und Untersuchungen folgte ab 1986 eine unbefristete Dauergenehmigung, sowie Vorbereitungen, die Einlagerung auch hochradioaktiver Substanzen zuzulassen.
Eine traurige Historie, die sich auch nach der Deutschen Einheit fortsetzte.
ERAM- ein von der BRD weiterbetriebenes Sicherheitsrisiko
Im neuen Staatssystem ging die Zuständigkeit auf das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) über. Zugeordnet war das Bundesamt dem Bundesumweltministerium unter dem damaligen Umweltminister Klaus Töpfer. Im Einigungsvertrag wurde ohne Langzeitsicherheitsnachweis oder ordentliches Genehmigungsverfahren der Bestandsschutz bis zum Jahr 2000 festgeschrieben.
Die BRD, ohne eigenes Endlager, aber mit einem wachsenden radioaktiven Müllberg, kippte die brüchige Grube also weiter zu. Bis zur Ablöse Töpfers als Bundesumweltminister durch Angela Merkel (1994) waren unzählige mahnende Gutachten entstanden.
Die sachsen-anhaltische Landesregierung und sogar Mitarbeitende des Bundesamtes selbst, stellten die Tauglichkeit in Frage – aber Merkel redete sich die strahlende Müllgrube sicher.
Darüber hinaus novellierte sie sogar noch das Atomgesetz durch Abstriche der geltenden strengen Sicherheitsanforderungen, um Morsleben auf Grundlage des alten DDR-Rechts bis 2005 offenzuhalten.
Dieses Vorhaben wurde 1998 nach einer Klage von Umweltinitiativen durch das Oberverwaltungsgericht Magdeburg aufgehalten. Wie so oft lagen dieser Entscheidung nicht etwa Sicherheitsbedenken zugrunde, sondern der Einlagerungsstopp begründete sich auf Verstöße gegen Vorschriften: Laut der bis dahin geltenden DDR-Genehmigung war die Maximalmenge weit überschritten, genauso wie nur die Lagerung atomaren Mülls ausschließlich in bestimmten Teilen des Bergwerks zulässig war. Mitte der 90er Jahre waren die Kapazitäten im Westfeld erschöpft und ohne offizielles Verfahren auf das Ostfeld erweitert worden.
Nach diesem Rechtsspruch verzichtete das Bundesamt auf die Annahme weiterer radioaktiver Abfälle und deren Endlagerung in Morsleben. Öffentlich wurde der Einlagerungsbetrieb jedoch ausdrücklich nicht aufgrund von Sicherheitsmängeln eingestellt, sondern da ausreichend verfügbare Kapazitäten mit anderen Standorten wie zum Beispiel in Gorleben gegeben waren.
Standsicherheit im ERAM?
Seitdem befinden sich in Morsleben circa 37.000 Kubikmeter feste Abfälle, etwa 6.600 umschlossene Strahlenquellen, einige verstreut eingelagerte hochaktive Strahlenquellen, sowie ein Radiumfass. Der Großteil eingelagert nach der Deutschen Einheit.
Insgesamt ein radioaktiver Müllberg, gelagert an einem historischen Ort des Bergbaus aus dem 19./20. Jahrhundert, dessen unterirdische Verzweigungen der damaligen Zeit bis heute nur spärlich dokumentiert sind. Ein Ort, der bis in die 1960er Jahre durch Kali- und Steinsalzabbau weiter durchlöchert wurde und der bereits seit DDR Zeiten als „nicht sicher“ gilt.
Ein Ort der Einsturzgefahr und der Wasserzuflüsse, mit grundlegenden geologischen Mängeln wie poröse und wasserlösliche Gesteinsschichten, die durch naturbedingte Bewegungen beeinflusst und verstärkt werden. Ein Ort, in dem es erst zu Beginn dieses Jahres zu einem Schwelbrand und damit verbundenem Stromausfall bis ins Umfeld der Morslebener Gemeinde kam. Ein Ort, in dem allein seit dem Jahr 2000 mehrere Kammern mit Salzgestein aufgefüllt werden mussten, um die Decke zu stabilisieren. 2001 krachte sogar ein 4.000 Tonnen schwerer Salzbrocken herunter – angenehmerweise in eine leere Kammer. Seitdem wurde begonnen, Teile der Grube kostspielig zu verfüllen – ohne Planfeststellungskonzept und ohne Rückholmöglichkeit.
Entsorgung radioaktiver Abfälle möglich?
Parallel zu diesen zuletzt durchgeführten und nicht genehmigten Verfüllmaßnahmen reichte die Bundesregierung 2005 Pläne zur Stilllegung der Atomruine beim Umweltministerium in Magdeburg ein, das letztendlich dieses Abenteuer genehmigen musste.
Der Verlauf der Prüfung war schleppend, da die Pläne mehrere tausend Seiten Dokumente, Gutachten und Stellungnahmen umfassten -unzählige Unterlagen, die zum einen unvollständig und zum anderen von unbrauchbarer Qualität waren. So konnte erst im Jahr 2009 der erste Teil des Stilllegungsverfahrens vollzogen werden: Das öffentliche zweimonatige Auslegen der vorhandenen Dokumente.
Immerhin 12.000 Personen, Kommunen und Verbände erhoben daraufhin Einwände gegen die Stilllegungspläne. Gemäß einer ordentlichen Schließungsprozedur eines Endlagers müssen nun Pläne und auch Einwendungen gegeneinander abgewogen werden.
Um das Endlager legal zu versiegeln und die atomare Suppe zu begraben, wird jetzt ab dem 13. Oktober bis zum 10. November 2011 in Oschersleben in Sachsen-Anhalt gestritten. Setzt sich die Bundesregierung durch, wird aus Morsleben ein Präzedenzfall: Die weltweite erste Stilllegung eines atomaren Endlagers!
Die Bundesregierung will die unergründlichen Morslebener Hohlräume mit Salzbeton verfüllen und wird sehr wahrscheinlich mit Zahlen, Tabellen und bauliche Maßnahmen argumentieren, um die Langzeitsicherheit bis zu 1.000 000 Jahre zu garantieren.
Die damaligen Einwändenden haben zwar formal das Recht dagegenzuhalten, werden jedoch nicht langfristig über Termine oder inhaltliche Abläufe der Erörterung informiert – dies ist nach Meinung von Politik ausschließlich die Aufgabe der öffentlichen Berichterstattung, die bisher jedoch nur punktuell erfolgt.
Die Schließung wird 2,2 Milliarden Steuereuro kosten, politisch und zynischerweise bezeichnet als „einigungsbedingte Altlast“.
Ab 13. Oktober muss das Land also die Tauglichkeit eines komplexen Salzstockes bewerten, der gekennzeichnet ist durch geologische Bewegungen und brüchige Salzbarrieren, die Wasser kaum abhalten können.
Im Erörterungsverfahren werden jetzt zwei Positionen gegeneinander abgewogen: Eine bürgerliche kritische Position, die aus der Natur der Sache heraus, in wohl kaum nennenswerter, fundiert informierter Anzahl zugegen sein wird. Die andere Seite aber, geschäftig, wohl vorbereitet und präsent. Der Druck auch seitens der EU auf Deutschland und die anderen 13 Länder mit Atomkraftwerken bis 2015 konkrete Pläne für die Atommüllentsorgung vorlegen zu müssen, wird kaum hilfreich für ein ausgewogenes Verfahren sein.
So oder so wird Sachsen-Anhalt mit der zu treffenden Entscheidung bald Geschichte darüber schreiben, wie exemplarisch mit unserem Wohlstandsmüll umgangen wird.
Verweise: Asse, Atommüll, Bundesamt für Strahlenschutz, Endlager, Gorleben, Morsleben, Umweltministerium







die erste Anmerkung ist doch Haarspalterei. Der BUND ist doch eine Umweltorganisation und an vielen anderen Stellen fasse ich auch zusammen und benenne nicht jedes Detail.
Dann zur zweiten Anmerkung: Beides ist richtig. Dem BfS war es nach dem Urteil nicht mehr erlaubt, und sie haben auf weitere rechtliche Schritte verzichtet - aus politischem Kalkül !
Und dann abschließend zur letzten Anmerkung: Natürlich ist der Text nicht neutral. Ich finde sogar, bei dem Wahnsinn der da passiert sollte sich mensch auf jeden Fall positionieren!
Und alles was in die Öffentlichkeit gelangt bedeutet erstmal das Thema als solches zu verbreiten.....hilfreich nicht zuletzt, um die "Bewegung" in Gang zu bringen.
Aber nörgeln ist bekanntlich immer leichter als selber machen, von daher lese ich gern einen neutralen Artikel ...
ich habe ihren Kommentar an die Autorin weitergeleitet.
Generell möchte ich aber bemerken, dass der Artikel nie den Anspruch erhoben hat neutral zu sein. Generell gibt es qua Definition sowieso keinen neutralen Journalismus, da mit jeder Wortwahl die Meinung des Autors mit einfließt.
Hiervon allerdings abzuleiten, dass Texte dieser Art eher contraproduktiv seien, kann ich in keiner Weise nachvollziehen. Generell wird eben die Öffentlichkeit gerne im Ungewissen gehalten und alles irgendwo ausgemauschelt. Hiervon kann man auch die verschiedensten Initiativen nicht freisprechen. Aus meiner Sicht ist jede Art von Öffentlichkeit hilfreich. Sollten sie die Meinung des Autoren nicht teilen, können sie uns gerne einen anderslautenden Text zusenden, den wir sicher nicht zensieren werden, nachdem wir ihn auf seine Rechtmäßigkeit hin geprüft haben. Lediglich die Länge sollte im Rahmen bleiben.
Was ich zwischen den Zeilen lese, dass sie sich eher keine öffentliche Diskussion wünschen, finde ich dennoch sehr verwunderlich.
Vielleicht verstehe ich sie hier aber auch nur falsch?
Gerne können sie mir eine Antwort schreiben.
Schöne Grüße:
Jan Braune
--
m@gic Agentur und Verlag
Magdeburger Nachrichten
Jan Braune
Chefredaktion
"Dieses Vorhaben wurde 1998 nach einer Klage von Umweltinitiativen durch das Oberverwaltungsgericht Magdeburg aufgehalten".
Richtig ist:
"Aufgrund der Klage des BUND Sachsen-Anhalt e.V. vor dem Oberverwaltungsgericht Magdeburg - ermöglicht durch die finanzielle Unterstützung von Greenpeace Deutschland e.V. - im Jahr ,wurde die Einlagerung von radioaktivem Müll in das ERAM gestoppt".
und weiter:
"Nach dem Rechtsspruch verzichtete das Bundesamt auf die Aufnahme weiterer Abfälle und deren Endlagerung in Morsleben"
Richtig ist:
Nach dem Urteil des Oberverwaltungsgerichtes war es dem Budnesamt für Stahlenschutz nicht mehr erlaubt weitere radioaktive Abfälle im ERAM einzulagern".
Auch der deutlich tendenziöse Text, bar jeder Neutraliät wird der Bewegung, Uns, nicht weiter helfen. Ich fürchte eher das Gegenteil.